Video-Content ist aus dem modernen Social-Media-Marketing nicht mehr wegzudenken – aber ist er wirklich in jedem Fall die beste Wahl? Während Plattformen wie Instagram und Facebook verstärkt auf bewegte Inhalte setzen, fragen sich viele kleinere Unternehmen, ob der grosse Aufwand für Video-Anzeigen sich tatsächlich lohnt – oder ob Bild-Anzeigen am Ende doch die bessere Option sind. Ein Interview mit Social-Media-Expertin Liliana Milhais Alves.
Wer im Jahr 2025 seinen Instagram- oder Facebook-Feed öffnet, wird direkt von einer Flut von Video-Content empfangen. Sei es der Kochkanal, der in 25 Sekunden einen Teller Spaghetti auf den Tisch zaubert, ein Ausschnitt des letzten Konzerts der Lieblingskünstlerin oder die süssen Kätzchenvideos, die sich immer irgendwie in deinen Feed einschleichen. Das Video-Format scheint bei organischem Content in den letzten Jahren zum neuen Standard geworden zu sein.
Natürlich hat auch das Social-Media-Marketing längst begriffen, dass bewegter Content bei Social-Media-Nutzer:innen sehr gut ankommt. Dementsprechend verweisen viele Marketing-Expertinnen und Experten auf das grosse Potential von Video-Content im Social-Media-Marketing.
Doch ist die Video-Anzeige eigentlich wirklich in jedem Fall das profitablere Format? Wie sieht das beispielsweise für kleinere Unternehmen aus, die oft damit hadern, die nötigen Ressourcen für eine qualitative Video-Produktion aufzubringen? Kann die bessere Performance diesen Mehraufwand rechtfertigen? Und wo positionieren sich animierte Bilder in dieser Debatte?
Im Gespräch mit Liliana Milhais Alves, Social-Media-Marketing-Managerin bei der Marketing-Agentur adforce, klären wir die wichtigsten Fragen rund um die Debatte Video-Ad vs. Bild-Ad.
Liliana, was ist aus deiner Sicht der Grund, weshalb Videos auf Social Media bei Nutzerinnen und Nutzern zurzeit so viel beliebter sind als Bilder?
Ich denke, das liegt daran, dass Videos einfach unterhaltsamer sind und viel schneller Emotionen auslösen können. Da kommen ja Bewegung, Ton und visuelle Effekte zusammen – das wirkt dann natürlich gleich viel lebendiger als ein statisches Bild. Und was auch noch dazukommt: In einem Video kann man in sehr kurzer Zeit viel mehr Infos und Details rüberbringen als mit einem Bild. Das macht sie für die meisten einfach spannender und auch praktischer.
Diese Beliebtheit spiegelt sich dann auch im Social-Media-Marketing wider?
Ja, genau, diese Vorliebe für Videos kann man im Social-Media-Marketing gut beobachten. Videos erzielen meistens mehr Engagement, also mehr Likes, Kommentare und Shares – einfach, weil sie unterhaltsamer sind und oft interaktive Elemente wie Untertitel oder Call-to-Actions haben. Je mehr Spass so ein Video macht, desto mehr Leute interagieren damit, und das führt dazu, dass der Algorithmus es öfter ausspielt – organisch und durch Werbeanzeigen.
Die Effekte davon sind dann im Werbeanzeigenmanager zu sehen: Videos bringen oft günstigere CPMs und helfen Unternehmen so, ihre Botschaften effektiver rüberzubringen und mehr Conversions zu erzielen.
Woran erkennst du als Marketing-Managerin, dass Video-Ads oft mehr Aufmerksamkeit erhalten als Bild-Ads?
Ein guter Anhaltspunkt dafür ist die Klickrate, also die Click-Through-Rate (CTR). Zahlreiche Studien und auch unsere eigenen Analysen zeigen, dass Video-Ads in der Regel eine höhere CTR haben. Das liegt einfach daran, dass Videos die Aufmerksamkeit besser einfangen und die Leute mehr neugierig machen – da klicken sie dann eben auch eher drauf. Ich schaue mir aber auch Engagement-Metriken wie Likes und Kommentare an, die zeigen, ob ein Video besser ankommt als ein Bild.
Wirkt sich diese hohe CTR dann auch positiv auf die Kosten pro Klick aus?
Ja, richtig. Die Kosten pro Klick (CPC) werden stark von der Klickrate (CTR) beeinflusst. Nehmen wir an, eine Anzeige erhält 10’000 Impressionen und 100 Klicks bei einem Gesamtbudget von 200 Franken – die CTR liegt hier bei 1 % und der CPC berechnet sich auf 2 Franken pro Klick. Hat deine Anzeige aber eine höhere CTR, zum Beispiel 1,5 % (150 Klicks bei denselben 10’000 Impressionen), betragen die Kosten pro Klick plötzlich nur noch 1,33 Franken pro Klick.
Das bedeutet, für dasselbe Budget erhältst du mehr Klicks auf deine Anzeige. Anzeigen, die viel Aufmerksamkeit erzeugen und dadurch eine hohe Click-Through-Rate aufweisen, wirken sich schlussendlich also positiv auf die Klickpreise aus.
Und das sind dann eben häufig die Video-Anzeigen?
Genau.
Was macht denn eigentlich eine gute Video-Ad aus? Welche Art von Video performt besonders gut auf Social-Media-Plattformen?
Kurzform-Videos, die innerhalb der ersten 3 Sekunden die Aufmerksamkeit erregen, performen besonders gut. Ein gutes Beispiel sind 15-sekündige Tutorials oder «How-To»-Videos, die oft eine hohe Engagement-Rate aufweisen. Storytelling, authentische Inhalte und gut produzierte visuelle Effekte sind Schlüsselfaktoren. Nutzer schätzen auch behind-the-scenes Einblicke oder User-generated Content, der die Authentizität und das Vertrauen in die Marke stärkt.
Das klingt auf jeden Fall, als sei das Kurzvideo die beste Form von Marketing-Content. Gibt es denn überhaupt Situationen, in denen Bild-Ads besser performen als Video-Ads?
Ja, absolut. Bild-Ads können in bestimmten Situationen besser abschneiden, besonders wenn es um einfache, direkte Botschaften geht, die schnell erfasst werden können. Ein Beispiel wäre eine Anzeige für ein Sonderangebot oder einen Rabatt, bei der ein klares, auffälliges Bild sehr effektiv sein kann. Wenn die Zielgruppe eine langsame Internetverbindung hat oder Daten sparen möchte, sind Bild-Ads ebenfalls von Vorteil. Ausserdem können gut gestaltete Bilder in einem überfüllten Feed schneller auffallen und eine direkte Handlung auslösen, wie etwa eine sofortige Anmeldung für einen Newsletter.
Gibt es bei unbewegtem Content für dich Gewinner oder Verlierer? Performt beispielsweise ein simples Foto weniger gut als ein modernes, aufwändiges Design?
Das kommt drauf an. Ein einfaches Foto kann genauso gut funktionieren wie ein aufwändiges Design, wenn es die Leute emotional anspricht oder eine klare Botschaft rüberbringt. Oft reagieren Nutzer sogar besser auf einfache Bilder oder Fotos, weil sie authentischer wirken und nicht direkt wie Werbung aussehen. Solche Bilder fühlen sich weniger aufdringlich an und ziehen dadurch vielleicht eher die Aufmerksamkeit auf sich. Aufwändige Designs können zwar auch gut ankommen, aber wenn sie zu ‚werberisch‘ wirken, laufen sie Gefahr, übersehen zu werden. Letztlich zählt einfach, dass der Content die Zielgruppe emotional abholt und für sie relevant ist – egal, ob einfach oder aufwändig.
Nun ist es ja so, dass Videos oft einen ziemlich hohen Produktionsaufwand haben. Lohnt sich der Aufwand für Unternehmen deiner Meinung nach trotzdem?
Videos sind in der Produktion wirklich oft teurer als Bild-Ads, weil da einfach mehr Arbeit und Zeit reinfliesst. Trotzdem kann sich der Aufwand lohnen, weil Videos durch höhere Engagement-Raten oft besser performen. Ein gutes Video kann das Unternehmen professioneller wirken lassen und eine stärkere Verbindung zum Publikum schaffen. Stell dir vor, ein Werbevideo für eine neue Automarke zeigt das Fahrzeug in Aktion – das kann potenzielle Käufer viel mehr beeindrucken.
Trotzdem muss man immer schauen, ob die Produktionskosten auch wirklich im Verhältnis zum Nutzen stehen. Für kleinere Unternehmen kann es sinnvoll sein, auf einfachere, aber trotzdem effektive Alternativen zurückzugreifen, wenn das Budget knapp ist.
Was für Alternativen wären das?
In meinen sieben Jahren als Social-Media-Expertin habe ich viele Alternativen ausprobiert, um auch mit kleinem Budget ansprechenden Content zu erstellen. Für kleinere Unternehmen, die sich keine teuren Video-Ads leisten können, gibt es ein paar kostengünstige Optionen, die ich gern empfehle:
- Apps zur Video-Erstellung: Tools wie Canva, Mojo oder CapCut sind super, um schnell und einfach animierte Inhalte oder kurze Videos zu erstellen. Damit kann man ohne grosses Budget trotzdem visuell ansprechenden Content produzieren, ohne eine Profi-Produktion zu brauchen.
- User-generated Content (UGC)-Plattformen: Mit UGC-Plattformen können Unternehmen ein Briefing oder Produkt verschicken und passende Creator auswählen, die dann die Videos dafür drehen. Das ist ideal für Firmen, die kein eigenes Video-Team haben oder ‚kamerascheu‘ sind.
- Templates und Freelancer-Plattformen: Auf Plattformen wie Envato gibt es tolle Video-Templates, die sich einfach anpassen lassen. Ausserdem lohnt sich ein Blick auf Freelancer-Seiten wie Fiverr, um kostengünstig Videos produzieren zu lassen – gerade, wenn kein internes Content-Team vorhanden ist und das Budget knapp ist.
Zurück zum Video-Content: Stimmt es, dass die Algorithmen auf Instagram und Facebook Video-Content bevorzugen und diesen vermehrt ausspielen – oder ist das nur ein Mythos?
Nein, das stimmt tatsächlich. Meta-Algorithmen tendieren dazu, Videos bevorzugt zu verbreiten, da sie längere Verweildauern und höhere Interaktionsraten fördern. Der Algorithmus priorisiert Inhalte, die die Nutzer länger auf der Plattform halten und mehr Engagement erzeugen, was oft bei Videos der Fall ist. Längere Verweildauern bedeuten, dass Nutzer mehr Zeit auf der Plattform verbringen und somit mehr Anzeigen sehen, was zu höheren Werbeeinnahmen für Meta führt. Daher ist es tendenziell so, dass Video-Ads eine grössere Reichweite erzielen und häufiger in den Feeds der Nutzer erscheinen als Bild-Ads, die weniger Interaktionen generieren.
Das ist gut zu wissen. Welche Best Practices gibt es denn für die Erstellung von effektiven Video-Ads auf Meta? Hast du für unsere Leserinnen und Leser einige praktische Tipps?
Wenn es um effektive Video-Ads auf Meta geht, ist eines der wichtigsten Dinge, die Aufmerksamkeit der Zuschauer in den ersten drei Sekunden zu gewinnen. Diese Zeitspanne ist entscheidend dafür, ob das Video weiter angesehen oder einfach weitergescrollt wird. Ein guter Trick, um das zu schaffen, sind auffällige visuelle Effekte, packende Fragen zu Beginn oder eine klare, starke Botschaft, die sofort Interesse weckt.
Eine hohe visuelle und akustische Qualität ist ebenfalls sehr wichtig. Ein Video, das gestochen scharf ist und guten Ton hat, wirkt einfach ansprechender und professioneller. Untertitel sind auch ein wichtiger Bestandteil, denn viele Nutzer sehen sich Videos in Situationen ohne Ton an – zum Beispiel unterwegs oder in öffentlichen Verkehrsmitteln, wenn jemand keine Kopfhörer dabei hat. Untertitel helfen dann, dass der Inhalt trotzdem verständlich bleibt, selbst wenn jemand das Video stumm anschaut. Für das Erstellen der Untertitel empfehle ich allen, die App “Caption” zu nutzen – vor allem, wenn es mal schnell gehen muss. Die App ist besonders praktisch, weil sie die Untertitel automatisch generiert. Und bei Bedarf kann man die generierten Untertitel dann sogar noch manuell bearbeiten und die Schriftart anpassen.
Auch ein klarer Call-to-Action (CTA) ist wichtig, um die Zuschauer zu einer spezifischen Handlung zu bewegen. Eine Anzeige ohne klares Ziel kann ineffektiv sein und ist praktisch weggeworfenes Geld. Ein CTA gibt den Zuschauern eine klare Anweisung, was sie als Nächstes tun sollen – ob das nun ein Download, eine Anmeldung oder ein Kauf ist. Bei Kampagnen, die auf Markenbekanntheit abzielen, ist ein CTA vielleicht nicht so essenziell, da hier das Ziel eher die Reichweite ist. Aber sobald es um spezifische Ziele wie Traffic-Generierung oder Conversions geht, ist ein klarer CTA absolut entscheidend, da er den Zuschauern zeigt, was sie als Nächstes tun sollen.
Und wie misst man als Marketer:in, ob eine Video- oder eine Bild-Ad gut performt hat?
Wichtige KPIs für die Bewertung der Ad-Performance sind CTR, CPC, Conversion Rate, Engagement Rate (Likes, Shares, Kommentare), Hook Rate und Video Completion Rate. Diese Metriken helfen dabei, den Erfolg der Ads zu messen und zu verstehen, welche Formate und Inhalte am effektivsten sind. Die Analyse könnte zeigen, dass Videos höhere Engagement-Raten haben, Bilder jedoch mehr direkte Conversions erzielen, was dann die zukünftige Strategie beeinflussen kann.
Zu guter Letzt wollte ich dich noch bitten, uns eine Zukunftseinschätzung zu der Debatte Bild vs. Video zu geben. Wird sich deiner Meinung nach das Video-Format in Zukunft endgültig durchsetzen oder glaubst du, dass der Trend irgendwann wieder abflacht?
Ich denke, dass das Video-Format in Zukunft tatsächlich noch stärker dominieren wird, weil es einfach interaktiver und wirkungsvoller ist. Videos ziehen mehr Aufmerksamkeit auf sich, und Algorithmen von Plattformen wie TikTok und Instagram belohnen die Nutzung dieser Formate, weil sie die Verweildauer erhöhen und so die Werbeeinnahmen steigern. Trotzdem glaube ich nicht, dass Plattformen wie Meta irgendwann nur noch Videos zeigen und das Bildformat ganz verschwinden lassen – damit würden sie viele Nutzer verlieren.
Für viele Menschen ist es zudem wichtig, Inhalte schnell konsumieren zu können. Viele haben gar nicht die Zeit, sich jedes Video in ihrem Feed anzuschauen. Bilder ermöglichen hier eine schnelle, einfache Kommunikation und das Teilen von Momenten. Ausserdem fühlen sich viele beim Posten von Bildern wohler, insbesondere wenn sie kamerascheu sind. Somit denke ich, dass Bilder auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen werden, selbst wenn Videos populärer werden.