Thomas Bigliel erklärt: Unter dem US-Zollhammer – was Schweizer KMUs aus abgesprungenen Leads lernen können

Was passiert mit einem Lead, der nicht kauft? In den meisten Unternehmen: nichts. Er wird abgehakt, gelöscht, vergessen. Dabei steckt in genau diesen Kontakten oft das grösste Potenzial – nicht zum Verkaufen, sondern zum Verstehen. Gerade Schweizer KMUs, die oft mit begrenzten Ressourcen arbeiten, können hier viel gewinnen.

Der jüngst von US-Präsident Donald Trump angekündigte Strafzoll von 39 % belastet die Schweizer Wirtschaft massiv. Besonders exportorientierte Unternehmen spüren die Auswirkungen des US-Zollhammers direkt – durch erschwerte Marktzugänge, höhere Kosten und Unsicherheit. Doch auch KMU, die primär im Binnenmarkt tätig sind, spüren die verschärfte Marktdynamik: durch steigende Beschaffungspreise, Kaufzurückhaltung und wachsenden Wettbewerbsdruck.

Das Zauberwort der Stunde: Resilienz. Und Resilienz beginnt dort, wo viele Unternehmen noch zu wenig hinschauen: bei den eigenen Prozessen, den eigenen Daten – und den eigenen Leads. Denn Schweizer KMU investieren viel in die Leadgenerierung: in Ads, Content, Messen, CRM-Systeme. Doch im Schnitt werden nur etwa 2 bis 5 % dieser Kontakte tatsächlich zu zahlenden Kund:innen. Was passiert mit dem Rest?

Die bittere Wahrheit: meistens nichts. “Verlorene” Leads verschwinden häufig ungesehen in CRM-Systemen oder Excel-Listen, ohne je ausgewertet zu werden – obwohl sie wertvolle Hinweise liefern könnten. Doch gerade in herausfordernden Zeiten zählt nicht, wer am lautesten wirbt – sondern wer am besten versteht. Versteht, warum Interessenten abspringen. Versteht, wo Vertrauen verloren geht. Versteht, was potenzielle Kund:innen wirklich brauchen.

Der Autor dieses Artikels ist Fachbuchautor und Geschäftsführer einer Online Marketing Agentur aus Zürich, die sich auf datengetriebenes Marketing spezialisiert hat. In der täglichen Praxis sieht er immer wieder, wie wertvolle Leads verloren gehen – nicht aus Mangel an Interesse, sondern weil Prozesse, Analyse oder Zielgruppenverständnis nicht konsequent genug gedacht wurden.

Der blinde Fleck im eigenen Funnel

Viele Unternehmen messen Conversion Rates. Doch das bedeutet auch: 80–90 % der Leads, die nicht konvertieren, bleiben analytisch im Dunkeln. Dabei handelt es sich um Menschen oder Unternehmen, die bereits Interesse gezeigt haben, sich durch Landingpages geklickt, Whitepapers heruntergeladen oder Demos gebucht haben.

Warum sind sie trotzdem abgesprungen?

  • War der Preis zu hoch?
  • Das Vertrauen zu tief?
  • Das Timing ungünstig?
  • Die Website nicht überzeugend?

Fragen, die oft unbeantwortet bleiben – aber entscheidend sein könnten.

Gerade bei Schweizer KMU mit B2B-Fokus gilt: Weniger Leads = mehr Bedeutung pro Kontakt. Jeder Absprung ist nicht nur eine verpasste Gelegenheit, sondern auch ein Signal. Wer die Ursache kennt, kann gezielt gegensteuern – im Funnel, im Content, im Pricing oder im Vertriebsgespräch.

Einblicke aus Forschung und Praxis

Gemeinsam mit meiner Co-Autorin Dr. Kathrin Neumüller – Co-Geschäftsführerin des Marktforschungsinstituts ValueQuest, das sich auf Mitarbeiterbefragungen und Vorgesetztenfeedback spezialisiert hat – habe ich das Problem der sog. “Drop-outs” wissenschaftlich und praxisnah untersucht. Dieser Blogbeitrag basiert auf diesen Erkenntnissen, die im Sammelband “Marketingtechnologien ; Innovative Unternehmerpraxis” bei Springer Gabler veröffentlicht wurden. In unserem Kapitel “A Glance at the Drop-Outs” zeigen wir, wie Unternehmen nicht-konvertierte Leads systematisch analysieren können: Welche Faktoren führen zum Absprung? Welche Muster lassen sich erkennen? Und wie lassen sich aus diesen Erkenntnissen konkrete Massnahmen für Marketing, Vertrieb und Produktentwicklung ableiten?

Konkret heisst das:

  • eine Typologie häufiger Drop-Out-Gründe im B2B-Kontext – von Low Trust bis Alternative Attractiveness
  • ein Scoring-Modell, das nicht nur Erfolge misst, sondern auch Verluste sichtbar und vergleichbar macht
  • eine Scoreboard-Matrix, die Marketing- und Vertriebsteams hilft, wiederkehrende Muster zu erkennen – und daraus gezielt zu lernen
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Literaturempfehlung: Der Sammelband “Marketingtechnologien – Innovative Unternehmenspraxis” von Springer Gabler (2023) bietet einen fundierten Überblick über aktuelle Entwicklungen im Bereich Marketingtechnologien. Expert:innen aus Wissenschaft und Praxis beleuchten darin Themen wie KI, Datenstrategie, MarTech-Ökosysteme und Lead Management – mit konkreten Konzepten für Entscheider:innen.

Was Schweizer KMU nun konkret tun können

  1. Drop-Outs nicht löschen – sondern klassifizieren
    Leads, die sich abmelden oder den Prozess abbrechen, enthalten wertvolle Informationen. Sauber getaggt und mit kurzen Exit-Befragungen versehen, können sie zur Datengrundlage für spätere Optimierungen werden.
  2. CRM & Tracking-Systeme clever nutzen
    Tools wie HubSpot, Pipedrive oder Zoho lassen sich so konfigurieren, dass Absprunggründe strukturiert dokumentiert werden. Wichtig: Der Vertrieb muss eingebunden sein – er weiss oft mehr, als das System anzeigt.
  3. Scoreboard statt Bauchgefühl
    Mit einem einfachen Scoring-System (z. B. nach Vertrauen, Preis, Nutzenverständnis, Konkurrenzlage) lassen sich Drop-Outs segmentieren – und in Retargeting-Kampagnen gezielt erneut ansprechen.
  4. Von den Falschen für die Richtigen lernen
    Was für einen Lead nicht funktioniert hat, könnte auch für andere kritisch werden. Wer Muster erkennt, kann proaktiv gegensteuern – etwa durch bessere Landingpages, klarere Botschaften oder gezieltere Kundenführung.

Im B2B-Marketing zählt der Abschluss – oder?

Die von uns entwickelte Scoreboard-Matrix erlaubt nicht nur eine granulare Bewertung, sondern auch eine Rückführung der Drop-Outs in den Funnel – etwa als Lookalikes für zukünftige Kampagnen. In der Praxis bedeutet dies: Leads, die nicht gekauft haben, sind keine verlorenen Kostenstellen. Sie sind Teil eines Lernsystems.

Das Ergebnis:

  • Ein intelligenter, dynamischer Sales Funnel, der nicht nur misst, was gekauft wurde, sondern auch warum nicht.
  • Fazit: Lernen heisst Hinhören – auch bei Absagen
  • B2B-Marketing 2025 muss datengetrieben sein – aber auch lernfähig.
  • Das heisst: Nicht nur Konversionen feiern, sondern Absprünge analysieren.
  • Nicht nur optimieren, was funktioniert – sondern verstehen, was nicht funktioniert hat.
  • Die Zukunft gehört Unternehmen, die Marketing und Sales nicht als Silos denken – sondern als gemeinsamen Lernprozess.
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Oben im Funnel gewonnen, unten verloren? Der drop-out-zentrierte B2B-Sales-Funnel zeigt, wo im Vertriebsprozess Leads abspringen – und warum genau dort die grössten Lernchancen liegen. Wer Drop-Outs systematisch analysiert, kann Leads zurückführen und den Funnel gezielt optimieren (Neumüller & Bigliel, 2024).

Fazit: Wer abspringt, liefert ein Feedback – wenn man es hören will

Schweizer KMU investieren erhebliche Mittel in die Leadgenerierung, um neue Kund:innen zu gewinnen und ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Umso wichtiger ist es, nicht nur auf die Konversion zu schauen – sondern auch auf die Absprünge. Denn wer versteht, warum ein Lead nicht kauft, steigert die Wirkung seines Budgets und trifft strategisch bessere Entscheidungen.

Und doch bleibt eine unbequeme Wahrheit bestehen: Absagen tun weh. Besonders im B2B, wo jeder Kontakt zählt – und oft viel Zeit, Überzeugungsarbeit und Hoffnung in einem einzelnen Lead stecken. Aber genau hier beginnt der Fortschritt. Denn jede Absage ist auch ein Feedback. Wer bereit ist, hinzuhören, kann daraus lernen – und gezielt besser werden.

KMU, die bereit sind, ihren Funnel nicht nur nach unten hin zu optimieren, sondern auch an den Rändern zu analysieren, verschaffen sich einen klaren Vorteil: Sie arbeiten nicht härter – sondern klüger. Mit der richtigen Online Marketing Agentur an der Seite gelingt genau das: eine datengetriebene Marketingstrategie, die nicht nur performt – sondern jeden Tag dazulernt.

Thomas Bigliel

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