StartKarriereDer Traum von Selbstständigkeit: Was du wissen musst, bevor du Freelancer wirst
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Der Traum von Selbstständigkeit: Was du wissen musst, bevor du Freelancer wirst

Die Arbeit im Grossbüro – sofern man vor Ort arbeiten kann – ist laut und hektisch. Immer wieder reisst dich anderer Kollege aus deiner Arbeit und braucht deinen Input und im Stundentakt steht dein Vorgesetzter mit erwartungsvollem Blick vor dir oder schüttet dich mit Aufgaben und Informationen zu. Anstatt dass du dich bei einem Unternehmen bewirbst, wo Leistung wichtiger ist als Kreativität, verwirklichst du so also deine eigene Ideen und baust dir deine Zukunft als Freelancer auf. Bevor du dich aber ins Leben des Freiberuflers stürzt, solltest du dir allen Vorzügen wie auch Herausforderungen bewusst sein.

Stell dir vor, dein Wecker klingelt morgens um 6 Uhr… und du schaltest ihn aus und stehst eine Stunde später auf. Kein Vorgesetzter ruft dich entrüstet an, um dich zu fragen, wo du bleibst und wenn du schlussendlich aufstehst, öffnest du deinen Laptop und voilà, der Arbeitstag beginnt.

Ungefähr so stellt man sich den Arbeitsalltag als Freelancer vor. Und während diese Ausführungen sicherlich Wahrheit enthalten, sollte man die rosarote Brille abziehen und zwischen den Zeilen lesen. Denn was auf den ersten Blick wie ein gemütlicher Arbeitsalltag wirkt, bringt viele Verpflichtungen mit sich.

Die Sache mit der Work-Life-Balance

An Arbeitgebern wird oft kritisiert, dass sie die Work-Life-Balance der Arbeitnehmer zu wenig berücksichtigen. Bei einem Vollzeit 9 to 5, oder wohl zutreffender 8 to 6 Job leidet die Freizeit schnell unter der Arbeitslast. Auch wenn diverse Unternehmen mittlerweile auf Gleitzeit setzen und den Mitarbeitenden ermöglichen, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen – schlussendlich muss sich der Arbeitnehmer nach dem Unternehmen richten, wenn er seinen Job behalten will.

Der Freelancer hingegen entscheidet selbstständig, an welchen Tagen er wie viele Stunden arbeiten wird. Kommt ihm etwas dazwischen, sei dies ein Arzttermin oder eine familiäre Verpflichtung, so ist es für den Freelancer um einiges leichter, sich die Arbeitszeit selbst einzuteilen und früher bzw. später mit der Arbeit zu beginnen.

Kaum überraschend ist es daher, dass Freelancer oftmals eine bessere oder zumindest flexiblere Work-Life-Balance haben, und dies auch sehr schätzen. Aber es ist nicht alles Gold was glänz: Überstunden und lange Arbeitstage sind auch für Freelancer alles andere als ein Fremdwort. Deadlines von Auftraggebern müssen eingehalten werden und bei der Einhaltung dieser Vorgaben ist der Freelancer auf sich alleingestellt. Die Organisation und die Umsetzung bleiben an einer einzigen Person hängen: ihm selbst.

Zwischen hohem Verdienst und Existenzängsten

Der Start in die Selbstständigkeit verläuft selten komplett reibungslos. Der Freelancer muss erstmals Kunden akquirieren und sich gegenüber der Konkurrenz behaupten, um seinen Kundenstamm auch weiter auszubauen. Ist die Wirtschaftslage gut und der Freelancer hat genügend Aufträge, so können viele Einnahmen generiert werden.

Da man sich als Selbstständiger selbst den Lohn auszahlt, können die Löhne durchaus höher sein als in einer Agentur oder einem Unternehmen. Die Kehrseite hierzu ist natürlich, wenn der Freelancer kämpfen muss, um sich über Wasser zu halten. Dies kann sein, weil die wirtschaftliche Lage wiederum schlecht ist oder auch weil sich die Arbeit des Freiberuflichen noch nicht genug unter Beweis gestellt hat, als dass er diverse neue Aufträge erhalten würde.

Für Freelancer können die Einnahmen daher stark schwanken. Während einigen Monaten wird mit verschiedenen Auftraggebern gearbeitet und der Lohn steigt ins überdurchschnittliche und kurze Zeit später muss vom eigenen Vermögen ins Business investiert werden, um den Monat zu überstehen.

Kein Arbeitgeber, keine Benefits

Ich bin mein eigener Boss. Das wollen viele junge Unternehmende sagen können und beschäftigen sich daher freiberuflich. Der alleinige Entscheidungsträger zu sein, hat durchaus seine Vorteile. Man entscheidet selber, mit welchen Kunden man zusammenarbeitet, wie die Arbeitsprozesse sind und vorauf der Fokus gelegt wird.

Jedoch kann man als Angestellter in einem Unternehmen auch profitieren. So kann der Arbeitgeber zusätzliche Benefits veranlassen, sei dies ein Fitnessabo, ein Geschäftsauto oder Vergünstigungen für die Verpflegung. Ein Freelancer muss sich diese Dinge selber finanzieren mit dem Lohn, den er sich erarbeitet. Als Festangestellter erhält man zudem bezahlten Urlaub und auch bei Krankheit ist die Lohnfortzahlung während der Abwesenheit vertraglich geregelt.

Für Freiberufler können längere Krankheitsabwesenheiten extreme Auswirkungen haben. Die Arbeit bleibt liegen, die Kunden müssen warten und sind unzufrieden und es fliessen keine Einnahmen auf das Konto des Freelancers. Dies können äusserst stressvolle Situationen sein, die man in einem Arbeitsverhältnis so nicht hat.

In die gleiche Kategorie fallen die Sozialleistungen. Während Angestellte eines Unternehmens direkte Abzüge vom Lohn haben, die ihre erste und zweite Säule für die Vorsorge sichern sollen, so ist der Freelancer auch hier auf sich alleine gestellt. Er muss sich selbst darum kümmern, diese Abgaben vorzunehmen, damit er auch im Alter finanziell abgesichert ist.

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Die alleinige Verantwortung

Freelancer sind oft kreative und engagierte Personen. Sie sind bereit zu wirken und zu schuften, um ihre Ideen umzusetzen und ihre Kunden zufriedenzustellen. Ist man aber selbstständig, so kann man nicht nur Massnahmen umsetzen und Tasks abarbeiten. Die ganze Strategie, die hoffentlich hinter dem Operativen steht, muss definiert und strukturiert werden, was ein aufwändiger Prozess sein kann.

Der Freelancer muss sich selbst darum sorgen, wie er sich auf dem Markt positioniert und Kunden an Land zieht. Sein ganzes Business steht und fällt mit seinen Fähigkeiten – im Kundengespräch, in der Umsetzung von Kampagnen oder Projekten und in der Erhaltung von Stammkunden.

Es reicht leider nicht, ein Design- oder ein Marketingass zu sein, wenn man selbstständig sein will. Kenntnisse in der Buchhaltung sind unumgänglich um Abrechnungen zu erstellen und Ein- wie auch Ausgaben korrekt zu verbuchen. Damit der eigene Erfolg gemessen werden kann, braucht man Kennzahlen- und Indikatoren-Wissen, die auf das Aufgabenfeld passen. Man ist quasi alle Stellen in einem: CEO, Buchhalter, Treuhändler, Sales Spezialist, Customer Service und Marketing-Leiter. Während dies den unumstösslichen Vorteil mit sich bringt, dass man die vollständige Entscheidungsmacht hat, so benötigen all diese Aufgabenbereiche viel Knowhow und Zeit.

Daher, dass der Freelancer alle Positionen übernimmt, fehlen auch die Arbeitskollegen. Es kann schnell einsam werden, jeden Tag alleine zu sein, selbst wenn man sich den Arbeitsort aussuchen kann und beispielsweise mal zu Hause mal in einem Café arbeiten kann. Umso wichtiger ist es für Selbstständige, sich ein Netzwerk aufzubauen, welches idealerweise viele andere Freelancer beinhaltet. So kann ein Austausch stattfinden und Erfahrungen können geteilt werden. Es ist wohl nicht dasselbe wie die Kaffeepause im Büro, aber zumindest vereinsamt man so nicht.

Wieso du Freelancer werden solltest – oder eben nicht

Bevor du dich also Hals über Kopf in die Selbstständigkeit stürzt, kannst du dir unter anderem folgende Fragen stellen:

  • Ist es mir wichtiger, selbstbestimmt zu sein, als in ein strukturiertes Unternehmen zu gehen?
  • Kann ich als Allrounder arbeiten und diverse Bereiche selbst managen?
  • Habe ich das Engagement und die Leidenschaft, um mich hochzuarbeiten zum Erfolg?
  • Bin ich irgendwie abgesichert, wenn ich im Falle von Krankheit für einige Zeit ausfalle?
  • Komme ich damit klar, grösstenteils alleine zu arbeiten, ausser ich bin gerade im Austausch mit einem Kunden?
  • Kann ich Deadlines und Termine eigenständig managen und überprüfen?

Sind deine Antworten hierzu primär Ja, dann lohnt sich ein Blick in Richtung Freiberufler. Was du nicht vergessen solltest: Deine heutige Entscheidung ist nicht in Stein gemeisselt. So kannst du dir eine Festanstellung im Marketing suchen, dort dein Skill-Set ausbauen und Erfahrungen sammeln und im Anschluss deine eigene Agentur aufbauen. Triff deine Wahl überlegt und achte dich gleichermassen auf deine Vision der Selbstständigkeit wie auch auf die dargelegten Fakten, damit du möglichst viele Stolpersteine auf dem Weg zum Erfolg bereits im Voraus beseitigen kannst.

Nicole Langhart
Nicole hat dank ihrem laufenden Studium in Kommunikation einen Einblick ins Marketing und in den Journalismus werfen können. Nachdem sie nun hands-on Marketing Erfahrung in einem Start-Up gesammelt hat, zieht es sie zu marketing.ch, um die Leserinnen und Leser mit den neusten Trends und hilfreichsten Ratgebern auf dem Laufenden zu halten.