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Bildquelle: shutterstock.com

BeReal: Social-Media-Revolution oder viel Hype um nichts?

Die neue Social Media App BeReal inszeniert sich als eine Art Anti-Instagram: echte Fotos aus dem Alltag der Nutzer*innen, ohne Filter, nicht gestellt und absolut authentisch. Das Konzept geht scheinbar auf, denn BeReal erlebt gerade einen Hype mit stetigem Zuwachs an Nutzer*innen. Worum es bei der App geht und ob dieser Hype gerechtfertigt ist, erfährst Du hier.   

Nach Clubhouse Anfang 2021 könnte BeReal nun zur nächsten grossen App-Sensation werden. Eine Foto-App, die Dir mit ungestellten Bildern und echten Momentaufnahmen einen Einblick in das Leben Deiner Freund*innen ermöglicht und umgekehrt. Um diese Idee umzusetzen, gibt BeReal eine besonders interessante Spielregel innerhalb der App vor. Im Folgenden gehen wir einmal näher darauf ein.  

Ist BeReal das Anti-Instagram?

Es herrscht ein Konsens darüber, dass Social Media für eine Verzerrung der Realität sorgen kann – und das in einem besorgniserregenden Ausmass auch tut. Besonders auf Plattformen wie Instagram vermitteln viele Influencer*innen das Bild eines immerzu perfekten und glücklichen Lebens in ständigem Saus und Braus. Luxusgüter, schöne Menschen, exotische Urlaubsorte und extravagante Freizeitaktivitäten springen Dir aus den Hochglanz-Profilen entgegen.

Unterliegt man einer Dauerberieselung dieses Contents, sorgt das früher oder später zu Unzufriedenheit bei den Follower*innen, die diesen Lifestyle in der Regel nicht selbst führen können. Dass hier oftmals noch ein schädliches Schönheitsideal propagiert wird, das gerade auf junge Menschen negativen Einfluss nehmen kann, steigert die Problematik enorm.

BeReal will dem nun entgegensteuern: keine inszenierte, perfekte Welt, sondern echte Eindrücke aus dem Alltag der Nutzer*innen. Klingt erst einmal vielversprechend. Doch wie genau soll das funktionieren?

Die Funktionen von BeReal

Das Konzept ist auf den ersten Blick simpel, aber wirkungsvoll. Die App gibt Dir jeden Tag genau zwei Minuten Zeit, um ein spontanes Foto zu schiessen und mit Deinen Freund*innen zu teilen. Der Clou: BeReal bestimmt willkürlich den Zeitpunkt, an dem Du das Foto knipsen und posten darfst. So soll gewährleistet sein, dass die Fotos nicht gestellt oder nachbearbeitet sind. Egal, ob Du also auf der Arbeit, in der Bahn oder gerade beim Joggen bist: Die App erwischt Dich mitten im Alltag.

BeReal greift im Moment der Fotoaufnahme gleichzeitig sowohl auf die Front- als auch auf die Back-Kamera Deines Smartphones zu. Du knipst also ein Bild von dem, was Du gerade siehst, während parallel ein Selfie von Dir geschossen wird. Das Selfie erscheint beim Posting dann im Kleinformat oben links im Bildschirm. Zusätzlich kannst Du noch Deinen aktuellen Standort angeben, wenn Du möchtest.

Screenshot der BeReal Social Media App.
Bildquelle: heise.de

Das Foto wird im Anschluss an Deine Freund*innen bei BeReal gesendet. Genauso erhältst Du ihre Fotos, sofern sie welche gemacht haben. Das Konzept beschränkt sich auf diese eine tägliche Interaktion – eine Abwechslung zum endlosen Scrollen durch die Posts Deines Instagram-Newsfeeds.

Ein Störfaktor in der App

Die Idee, die App entscheiden zu lassen, wann ein Foto aufgenommen und gepostet werden darf, klingt neu und spannend. Zum einen kommt ein spielerisches, spontanes Element in die Nutzung, das vielen Nutzer*innen Spass bereiten könnte. Zum anderen könnte so sichergestellt werden, dass die Fotos wirklich nicht präpariert werden können. Leider gibt es einen Haken, der den Sinn der App ein wenig infrage stellt.

Es geht um die „Late“-Funktion. Hast Du bei der Benachrichtigung, dass Deine heutigen zwei Minuten laufen, gerade keine Zeit für ein Posting, darfst Du es auch einfach später nachholen. Dabei gibt es keine zeitliche Unterscheidung: Fotos, die nur einige Sekunden nach Ablauf der Frist gepostet werden, erhalten die Late-Markierung genauso wie solche, die fünf Stunden später hochgeladen werden.

Klar ist, dass man nicht ständig am Tag die Zeit hat, ein Foto hochzuladen, sobald die App Alarm schlägt. Doch macht nicht gerade das auch den Reiz von BeReal aus? Immerhin sind die betroffenen Fotos markiert, sodass trotzdem der Anreiz besteht, innerhalb der festgelegten zwei Minuten zu posten.

Schnörkellos und einfach

Die Nutzung der App beschränkt sich auf einige wenige Funktionen. Das ist aber kein Manko, sondern eher ein Vorteil von BeReal. Du machst einmal pro Tag ein Foto und lädst dieses für Deine Freund*innen hoch. Wenn Du möchtest, fügst Du noch eine kurze Beschreibung hinzu. Die Fotos anderer Personen kannst Du kommentieren oder Du reagierst mit einem Selfie darauf. Die App kommt also ohne grossen Schnickschnack aus und stellt die grundlegende Idee in den Vordergrund.

Möchtest Du über Deinen Freundeskreis hinaus Postings entdecken, steht Dir ausserdem der „Discovery“-Bereich zur Verfügung. Hier siehst Du die Fotos von Personen, die ihren Account auf öffentlich gestellt haben.  

Privatsphäre und Datenschutz

Die App ist ab 12 Jahren freigegeben. Bei Minderjährigen könnte die Funktion, seinen aktuellen Standort anzugeben, allerdings kritisch betrachtet werden. Deine Fotos werden nur innerhalb Deines Freundeskreises geteilt, es sei denn, Du stellst Dein Profil auf öffentlich.

Dass die App den Zeitpunkt Deines Postings vorgibt, kann ebenfalls für manche Menschen zu Problemen führen. Demnach könnte man unter Druck geraten, sich in einer privaten oder beruflichen Situation zu exponieren, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Die Fotos Deiner Freund*innen siehst Du übrigens erst dann, wenn Du selber an dem Tag ein Foto hochgeladen hast – auch das kann in sozialem Druck enden.

Wer ist die Zielgruppe von BeReal?

BeReal spricht vor allem eine jüngere Zielgruppe an, besonders Schüler*innen und Student*innen. Auf dem französischem und US-Amerikanischem Markt ist die App bislang am erfolgreichsten – ein Grund dafür ist scheinbar auch das erfolgreiche Marketing-Konzept in diesen Ländern. Dieses zielt nämlich darauf ab, dass Schüler*innen und Student*innen die App ihren Freund*innen weiterempfehlen und dafür eine Prämie erhalten.

In den deutschsprachigen Ländern ist BeReal bisher (noch) nicht weit verbreitet, verzeichnet in den letzten Monaten aber steigende Nutzer*innenzahlen. Man könnte also von einem kleinen Hype sprechen. Die weitere Entwicklung bleibt aber auch in der Schweiz abzuwarten, da die App noch relativ jung ist.  

Ist der Hype um BeReal gerechtfertigt?

Das Narrativ einer authentischen, lebensnahen Foto-App, die der glitzernden Scheinwelt von Instagram, TikTok & Co. den Kampf ansagt, klingt erst einmal sehr schön und wird auch hierzulande bestimmt noch einige Leute begeistern können – und sei es auch nur dafür, die App einmal selbst auszuprobieren.

Ob sich im Zeitverlauf nicht neue Probleme aus den Funktionen der App heraus ergeben, wie der Druck, täglich auch in ungünstigen Situationen posten zu müssen, bleibt abzuwarten. Ob BeReal auch ausserhalb der USA und Frankreich (übrigens der Heimatmarkt der App) den grossen Erfolg einfahren wird, ist zurzeit nur schwer zu prognostizieren.

BeReal liefert neue Ansätze für Social Media

Die Idee hinter BeReal ist innovativ und setzt einen erfrischenden Schwerpunkt im Vergleich zu den Big Playern der Social Media Apps. Für viele wird das Konzept spannend und unterhaltsam klingen und bestimmt zu einem eigenen Testversuch animieren. Ob sich aber ein langfristiger Trend wie in den USA und Frankreich, oder nur ein kurzzeitiger Hype um die noch junge App entwickeln wird, bleibt abzuwarten.

Robin Knappmann
Robin Knappmann
Robin hat vor kurzem sein WiWi-Studium abgeschlossen und schreibt seit 2018 Beiträge rund um das Thema Marketing. Seine Begeisterung fürs Schreiben führte ihn bereits zu einer journalistischen Tätigkeit bei einer deutschen Tageszeitung und durch ein erstes, textintensives Studium der Germanistik und Philosophie. Wenn er nicht gerade vor einem neuen Beitrag sitzt, spielt er vermutlich Gitarre oder monologisiert über seine Lieblingsmusik.

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