StartNewsZum Tag des Artenschutzes: Kommt eine weltweite biologische Tragödie auf uns zu?
Quelle: RUKSUTAKARN studio/shutterstock.com

Zum Tag des Artenschutzes: Kommt eine weltweite biologische Tragödie auf uns zu?

Der 3. März ist Tag des Artenschutzes und erinnert an die Unterzeichnung des Washingtoner Artenschutzübereinkommens. In seinem aktuellen Buch warnt Prof. Dr. Matthias Glaubrecht, einer der bekanntesten deutschen Evolutionsbiologen, Systematiker und Wissenschaftshistoriker, vor einer weltweiten biologischen Tragödie. Er spielt nicht „simple Endzeitszenarien“ durch, sondern trägt aus dem Blickwinkel der Evolutionsbiologie die verfügbaren Fakten zur Lage auf unserem Planeten zusammen: „Sie sind im Zusammenhang betrachtet erschreckend genug.“ Er verweist auch auf den sich abzeichnenden Massenexitus, dem größten Artenschwund seit dem Aussterben der Dinosaurier: „Das Artensterben hat sich seit der Globalisierung, die mit Kolumbus und der europäischen Eroberung von Kolonialreichen vor 500 Jahren begann, und dann noch einmal sprunghaft mit unserer Generation vervielfacht.“

Nach einem Studium der Zoologie und Paläontologie in Hamburg und Forschungsaufenthalten u.a. am Australian Museum in Sydney wurde er 1997 Kurator am Museum für Naturkunde in Berlin. Seit 2014 hat er die Professur für Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg inne, wo er als Gründungsdirektor das Centrum für Naturkunde (CeNak) mit einer der größten zoologischen Sammlungen Deutschlands leitet.

Ob das Ende der Evolution, das spätestens ab Mitte des 21. Jahrhunderts ein realistisches Szenario zu werden droht, noch aufzuhalten sein wird, darüber wird allein unser Denken und Tun jetzt und in den nächsten Jahren entscheiden.

Nachhaltigkeit hat mit dem Blick fürs Ganze zu tun, der auch die Randgebiete und Übergänge einschließt

Das zeigt die Philosophin Natalie Knapp in ihrem Buch „Der unendliche Augenblick. Warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind“. Ökologische Übergänge (z.B. der Rand zwischen Feld und Wald) sind für sie kreative Begegnungsstätten der Natur, weil sie Pflanzen und Tiere aus beiden angrenzenden Lebensräumen beherbergen, „aber auch seltene Lebewesen, die nur im speziellen Klima einer solchen Zone gedeihen.“ Die Artenvielfalt dieser Rand- und Zwischenzonen sowie ihre permanente Gefährdung verdeutlichen, „dass wir mit den Ausnahmezonen des Lebens besonders achtsam umgehen müssen.“

Sie zeigt anhand zahlreicher eindrucksvoller Beispiele, dass die Erforschung der Randeffekte mit Erkenntnissen darüber verbunden ist, wie sich die Artenvielfalt in Zeiten des Klimawandels erhalten lässt, um unser Ökosystem stabil zu halten. Wiesen sind nicht nur schön und wohlduftend, sondern vor allem ein Zuhause für Pflanzen und Tiere, das rasant schrumpft. „Die Wiese braucht Licht und Bewegung. Sie kann nur Wiese bleiben, wenn sie regelmäßig gemäht oder beweidet wird und vielen Insekten Nahrung bietet“, so Knapp.

Zehn Gründe, warum Insekten unseren Respekt verdienen

1. Resilienz: Insekten geben der Natur mehr Widerstandskraft. Nur eine vielgestaltige Natur ist auch resistent.

2. Bestäubung: Insekten halten die Pflanzenwelt am Leben. Nicht nur Bienen, sondern auch Mücken, Fliegen und weitere Insekten tragen durch Bestäubung oder Samentransport zur Vermehrung der Flora bei.

3. Ökosystem: Insekten sind ein wichtiger Teil der Nahrungskette.

4. Futter und Essen: Insekten sichern die Welternährung. Rund ein Drittel aller Nahrungsmittel geht auf die Bestäubung durch Insekten zurück.

5. Hygiene: Insekten können uns nicht nur von Kot befreien, sondern gleichzeitig diesen Mist in eine sehr proteinreiche Biomasse verwandeln.

6. Böden: Insekten machen unsere Erde fruchtbar, denn sie sind an der Umlagerung, Durchmischung und Durchlüftung des Erdreichs beteiligt.

7. Kleidung: Insekten sind für die Textilproduktion unverzichtbar.

8. Industrie: Insekten produzieren Chemikalien. Sie helfen der Industrie bei der Chemieproduktion.

9. Medizin: Insekten heilen.

10. Forschung: Insekten sind wissenschaftlich äußerst wertvoll.

Wer an dauerhaftem wirtschaftlichem Erfolg interessiert ist, muss auch an Arten- und Naturschutz Interesse haben

Naturnahe Firmengelände sind langfristig angelegte Projekte, bei denen Unternehmen oft gemeinsam mit lokalen Naturschutzorganisationen sowie Landschaftsarchitekten und -gärtnern zusammenarbeiten. Hier sorgen bestimmte Gestaltungsprinzipien und Pflegeroutinen dafür, dass Lebens-, Nahrungs- und Schutzräume für Pflanzen und Tiere erhalten oder geschaffen werden. Hinzu kommt, dass sich Beschäftigte in einem grünen Arbeitsumfeld besonders wohlfühlen. Auch Glaubrecht verweist darauf, dass uns viel Grün „insgesamt mental gesünder“ macht.

Mit dem Wettbewerb „FirmenGärten“, den die Stadt Hannover 2002 ins Leben rief, setzt die Stiftung DIE GRÜNE STADT Impulse zur Steigerung der „Grünqualität“ auch im Unternehmensbereich. Inzwischen wurde er auch in andere Regionen Niedersachsens sowie in Ballungsgebiete anderer Bundesländer (Bremen, Nordrhein-Westfalen, Berlin) exportiert. Ein Bündnis aus regionalen Partnern hat den Berliner Wettbewerb ins Leben gerufen. Er soll zeigen, wie Unternehmen in der Stadt zunehmend auf eine grüne Arbeitsumgebung setzen und wie individuell sie ihre Eingangs- oder Aufenthaltsbereiche, Dachgärten, Terrassen oder Firmengelände grün gestalten und nutzen. Gerade in einer Zeit, in der Fachkräfte immer mehr gefragt sind, möchten Unternehmen ein attraktives, motivierendes und gesundes Arbeitsumfeld bieten, das gleichzeitig einen ökologischen Beitrag leistet.

Der Trend zum Gründach nimmt beispielsweise bei großen Industrieunternehmen zu, denn mit einem durchdachten Regenwassermanagement können sie auch hohe Gebühren für Abwasser sparen. Gründächer wirken sich durch ihre wärmedämmenden Fähigkeiten positiv auf die Energiebilanz aus. Dass sich auch Schmetterlinge und Bienen hier wohl fühlen, ist ein schöner Nebeneffekt.

Dem Öko-Versandhändler memo AG ist es zudem wichtig, dass auch im Außenbereich, am Eingang und vor dem Firmengebäude der Respekt vor und der Umgang mit der Natur erkennbar ist. 1995 wurde der Firmenstandort vom Würzburger Stadtzentrum in das Gewerbegebiet der kleinen Gemeinde Greußenheim auf die „grüne Wiese“ verlegt, ca. 15 km westlich von Würzburg. Der ans Unternehmen angrenzende Naturgarten ist mit einheimischen Wildblumen, Sträuchern und Bäumen bepflanzt. Vom Cafeteriabereich aus geht der Blick direkt hierhin. Ein Teil der Wiese wird in der warmen Jahreszeit nicht gemäht, um Bienen und anderen Insekten wertvollen Lebens- und Nahrungsraum zu geben. Auch Nistkästen, die seit den Anfängen des Vogelschutzes zu den festen Bestandteilen aktiver Nachhaltigkeitsarbeit vor Ort gehören, sind hier zu finden. Sie helfen dem Schutz der heimischen Vogelwelt, ermöglichen aber auch das Beobachten der Tiere im Firmengarten. Angrenzend ans Firmengelände hat die Gemeinde ein kleines Biotop angelegt (Quelle: memo Nachhaltigkeitsbericht).

Auch der Standort von Häcker Küchen in Rödinghausen liegt im Grünen. Bei der Integration der gesamten Anlage spielt der Erhalt der biologischen Vielfalt eine wichtige Rolle. Die sogenannten „Dachterrassen“ zwischen den Panorama-Gebäuden sind begrünt. Das Unternehmen beschäftigt sogar drei qualifizierte Gärtner. Da sich der Standort mitten in der Natur befindet, kann man von etwa 70 unterschiedlichen Baum- und Pflanzenarten ausgehen, die hier zu finden und zu pflegen sind. Neben einer reichen Pflanzenwelt finden sich hier auch einige Vogelarten, unter anderem auch der seltene Stieglitz. Auf dem Firmengelände befindet sich neben dem Hauptgebäude zudem ein Feuchtbiotop in Form eines Teiches.

Der neue Produktionswerk Ostercappeln-Venne enthält viele Elemente, die zu einer besonders nachhaltigen Nutzung führen. So werden die bei der Herstellung von Küchen entstehenden Spanabfälle in zwei lokalen Späne Silos gesammelt und im Winter zum Beheizen der Produktionshallen verwendet. Das Dach vom Versand wurde so konstruiert, dass nachträglich eine Photovoltaik-Anlage installiert werden kann. Zudem ist das gesamte Gebäude besonders energieeffizient, da es den KfW Standard 55 erreichen und sogar unterschreiten wird. Das Grundstück selbst wird mit Bäumen und blühenden Gewächsen bepflanzt, um aktiv die Insektenrettung zu unterstützen.

Häcker Küchen unterstützt zudem das Projekt zur Bienen- und Insektenrettung in Melle insektenrettung.de durch die umfangreiche Bereitstellung des hochwertigen Saatgutes und einzelner Maschinen. Auch wurde an der Hauptverwaltung in Rödinghausen eine Blühwiese auf gut 25.000 qm angelegt. Das Projekt „Blumiger Landkreis Osnabrück“ engagiert sich intensiv für die Bienen- und Insektenrettung im Osnabrücker Land. Vom Unternehmen wird das Projekt mit hochwertigem Blühwiesen-Saatgut und Maschinen gefördert. Um auch am neuen Produktionsstandort in Venne Blumenflächen anzulegen, gab es am 6. Mai 2019 einen großen Insektenschutztag, an dem mit Unterstützung des Unternehmens über 5.000 qm Blühwiesen erstellt wurden. „Blumiges Venne“ wurde beim bundesweiten Wettbewerb von „Deutschland summt“ mit dem 3. Platz im Bereich „Kommunale Flächen“ ausgezeichnet. Die Zusammenarbeit zur Bienen- und Insektenrettung wird in den kommenden Jahren weiter intensiviert.

Weiterführende Literatur:

Matthias Glaubrecht: Das Ende der Evolution. Der Mensch und die Vernichtung der Arten. C. Bertelsmann Verlag, München 2019.

Klimawandel in der Wirtschaft. Warum wir ein Bewusstsein für Dringlichkeit brauchen. Hg. von Alexandra Hildebrandt. Verlag SpringerGabler, Heidelberg, Berlin 2020.

Alexandra Hildebrandt und Claudia Silber: Gartenzeit: Wie wir Natur und Kultur wieder in Gleichklang bringen. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

Alexandra Hildebrandt und Claudia Silber: Gut zu wissen… wie es grüner geht: Die wichtigsten Tipps für ein bewusstes Leben. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

Natalie Knapp: Der unendliche Augenblick. Warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 2015.

Hans-Dietrich Reckhaus: Insect Respect. Das Gütezeichen für mehr Nachhaltigkeit im Umgang mit Insekten. Bielefeld: Insect Respect 2015.

Maria Retter: Digital aufgeblüht. In: DIE ZEIT (28.9.2017), S. 35.

AUTOR: Dr. Alexandra Hildebrandt

QUELLE: XING.COM

Redaktion
Die Redaktion von marketing.ch liefert seit 2012 regelmässig spannende Inhalte rund um das Thema Marketing. Wenn kein anderer Autor hinterlegt ist, hat das marketing.ch Team gemeinsam unter diesem Account an den Artikeln gearbeitet. 🙂

Beliebte Artikel