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Nutzen User:innen BeReal wirklich so „real“?

BeReal ist die Social-Media-App der Stunde und setzt auf Authentizität statt auf gefakte Hochglanzfotos. Eine Revolution! Oder etwa nicht? Das Prinzip scheint aufzugehen, denn die Popularität von BeReal steigt weiter an. Jetzt zeichnet eine Sortlist-Studie aber ein anderes Bild: Das Nutzer:innenverhalten ist gar nicht so „real“ wie gedacht – und auch die Filter vermisst man so langsam doch.      

Das Konzept von BeReal liefert neue Ansätze im Social-Media-Game, so viel ist sicher. Aber kann die App ihr Versprechen nach Authentizität wirklich halten? Und wollen die Nutzer:innen überhaupt so viel „Echtheit“, oder geht es mehr um den Hype und um das Dabeisein?

Worum geht es bei BeReal?

Einmal täglich werden die Nutzer:innen von BeReal per Push-Benachrichtigung aufgefordert, ein Foto von sich und ihrer Umgebung hochzuladen. Der Zeitpunkt ist willkürlich ausgewählt und man hat 2 Minuten Zeit dafür. Das Bild nachzubearbeiten oder sich grossartig zu inszenieren, funktioniert nicht – Filter wie bei Instagram sind nicht einmal vorhanden. Es geht also um echte Eindrücke aus dem Alltag: bei der Arbeit, auf dem Weg zur Uni oder im Jogger auf der Couch. Wer die Fotos seiner Freund:innen sehen will, muss ein eigenes Bild posten. Das spornt zum Mitmachen an und trägt dazu bei, dass die App nicht bereits nach einer Woche wieder vom Smartphone verschwindet. Wichtig anzumerken ist jedoch, dass man auch nach Ablauf der zwei Minuten irgendwann sein Foto machen kann. Einziger Unterschied ist, dass neben dem Post vermerkt ist, wie viel zu spät das Bild gepostet wurde.

BeReal gilt mittlerweile als Anti-Instagram, da es für einen authentischen Austausch zwischen den Nutzer:innen steht. Aber ist dieses Image gerechtfertigt? Die Ergebnisse einer aktuellen Sortlist-Studie lassen daran zweifeln. Dafür wurde eine Umfrage mit 1’000 BeReal-Nutzer:innen aus Deutschland, Belgien, Grossbritannien, Frankreich und Spanien durchgeführt, die zu verblüffenden Ergebnissen führte. Hier gelangst Du direkt zur Studie. Mit 1’000 Teilnehmer:innen ist sie zwar nicht repräsentativ, aber dennoch aufschlussreich und ziemlich spannend.

Posten Nutzer:innen immer das erste Foto?

Ein grundlegender Unterschied zu anderen Social-Media-Apps besteht darin, dass die Nutzer:innen nach der Push-Benachrichtigung nur 2 Minuten Zeit haben, um ein Foto zu knipsen und anschliessend zu posten. Das sorgt für die gewünschte Spontanität. Die Sortlist-Studie offenbart aber eine kleine Schwachstelle bei dieser Idee.

Nur 9% der Nutzer:innen posten demnach das erste Foto, das sie in der App aufnehmen. 35,6% versuchen es sogar mindestens 3 Mal, bevor sie sich für ein Foto entscheiden. Die Umfrage ergab zudem, dass es bei dem Thema geschlechtsspezifische Unterschiede gibt. Frauen posten laut Studie weniger oft bereits nach dem ersten Versuch und sind eher dazu bereit, 4 Fotos oder mehr aufzunehmen.

Posten Nutzer:innen auf BeReal, sobald die Push-Benachrichtigung erscheint?

Die Frage betrifft ein weiteres Kernthema im BeReal-Konzept: Von Spontanität und authentischen Eindrücken aus dem Real Life kann man in diesem Kontext schliesslich nur sprechen, wenn die Fotos zu dem willkürlichen Zeitpunkt aufgenommen werden, den die App vorgibt. Laut der Studie befolgen aber lediglich 30,3% der Nutzer:innen dieses Prinzip. Ganze 53,8% der Befragten gaben hingegen an, mit dem Foto so lange zu warten, bis es etwas Interessantes zu posten gibt.

Hier stellt sich die Frage, ob die Mehrheit der Nutzer:innen von BeReal überhaupt Authentizität und echte Eindrücke aus ihrem Leben teilen wollen, die sie selbst vielleicht für langweilig oder ordinär erachten. Denn ein Grossteil des Alltags, zumindest bei den meisten Menschen, ist ja nun mal genau das – ordinär.

Logikfehler bei BeReal?

Dass es überhaupt möglich ist, den Fototermin in der App zu verschieben, stiess bereits vermehrt auf Kritik. Schliesslich ginge es ja eben um dieses spontane Element, welche die Nutzung von BeReal reizvoll mache. Trotzdem ist die sogenannte „Late“-Funktion in der App integriert, die solche späteren Aufnahmen erlaubt.

Fotos, die nach Ablauf der Frist gepostet werden, erhalten wie erwähnt lediglich eine entsprechende „Late“-Markierung, können aber ganz normal mit den Kontakten geteilt werden. Bedenkt man das entsprechende Ergebnis der Studie, dass mehr als die Hälfte der Nutzer:innen diese Funktion nutzt, wirkt es fast schon wie ein Logikfehler von den Entwicklern der App, sie überhaupt anzubieten.

Nutzer:innen wollen mehr Kontrolle über ihre Fotos

Die Studie ergab ausserdem, dass die meisten Nutzer:innen mehr Kontrolle über ihre Fotos sowie über die Veröffentlichungsweise haben wollen. Ganze 86,4% der Befragten gaben an, dass sie ihre Bilder vor der Veröffentlichung sogar gerne bearbeiten würden. In BeReal gibt es bisher nämlich keine Filter zur Nachbearbeitung wie bei Instagram und anderen Social-Media-Apps.

Verhalten sich Nutzer:innen auf BeReal also überhaupt so „real“?

Die Sortlist-Studie veranschaulicht ziemlich gut den Widerspruch zwischen dem BeReal-Konzept und dem tatsächlichen Nutzer:innenverhalten. Die Mehrheit der Nutzer:innen machen mehrere Fotos, bevor sie eines posten und entscheiden selbst, zu welchem Zeitpunkt sie das Foto aufnehmen.

Hinzukommt, dass 14% der Befragten angaben, dass sie ihre Fotos nur auf BeReal veröffentlichen, um zu sehen, was ihre Freunde posten. Auch hier greift also das FOMO-Phänomen (Fear of missing out), welches sowieso schon gehypten Apps noch mehr Aufwind in Form von hohen Nutzer:innenzahlen liefert.

Hält der Hype von BeReal weiter an?  

Die Frage, ob BeReal mehr Authentizität im Social-Media-Bereich etabliert, ist nur schwer zu beantworten. Die Idee dahinter ist spannend und innovativ. Wer sich darauf einlässt, kann definitiv authentischere Einblicke in das eigene Leben ermöglichen und Insights aus dem Alltag seiner/ihrer Kontakte erhalten. In der Umsetzung macht es die App den Nutzer:innen jedoch leicht, die vermeintlichen Regeln zu umgehen und trotzdem gestellte Fotos zu teilen. Abzuwarten bleibt, ob die App in Zukunft beispielsweise Filter zur Bildbearbeitung integriert. Oder ob im Gegenteil die Regeln sogar verschärft werden, um der ursprünglichen Idee mehr gerecht zu werden.  

Die Authentizitätsdebatte scheint dem Erfolg von BeReal zumindest bisher keinen Abbruch zu tun. 65% der Nutzer:innen gaben an, dass sie die App für den nächsten grossen Durchbruch in Social Media halten. 70% der Befragten sind ausserdem der Meinung, dass BeReal auch dauerhaft Erfolg haben wird und somit kein kurzzeitiger Trend ist. Dafür sprechen auch die sage und schreibe 28 Millionen Downloads.

Und obwohl BeReal als eine Art „Anti-Instagram“ angetreten ist, wird es mittlerweile von genau diesem Konkurrenten kopiert – auch wenn bisher nur bestätigt wurde, dass sich „IG Candid Challenges“ in der Entwicklung befindet. TikTok springt ebenfalls auf den Zug auf und liefert mit „TikTok Now“ einen 1:1-Klon von BeReal. Diese Entwicklungen sprechen ebenfalls nur bedingt für eine Zukunft in Social Media, in welcher der Fokus mehr auf Authentizität statt Fake liegt – sie beweisen aber, dass BeReal neue Impulse liefert und damit sehr erfolgreich ist.  

BeReal setzt Impulse und bietet Stoff zur Diskussion

Auch wenn die Sortlist-Studie aufgrund der geringen Teilnehmer:innenzahl nicht repräsentativ ist, lässt sie doch einen ungefähren Eindruck zum Nutzer:innenverhalten zu. Die meisten Nutzer:innen verwenden die App demnach nicht so, wie das Konzept es eigentlich vorsieht. Zwar sorgen die fehlenden Filter zur Bildbearbeitung dafür, dass die Fotos „naturgetreuer“ sind und weniger Schein präsentieren als bei Instagram. Trotzdem können Fotos gestellt und mehrmals wiederholt werden, bis sie der Person gefallen.

Alles in allem überlässt es BeReal den Nutzer:innen, ob sie authentische Eindrücke aus ihrem Leben teilen wollen, oder nicht. Es bleibt spannend zu beobachten, wie sich der Trend entwickeln und ob BeReal auch über den Hype hinaus in ein paar Monaten noch viel genutzt wird. Immerhin setzt die App gerade neue Impulse und sorgt für Gesprächsstoff zum Thema „Authentizität in Social Media“ – ein Thema, was in Zukunft noch weiter an Relevanz dazugewinnen könnte.

Robin Knappmann
Robin Knappmann
Robin hat vor kurzem sein WiWi-Studium abgeschlossen und schreibt seit 2018 Beiträge rund um das Thema Marketing. Seine Begeisterung fürs Schreiben führte ihn bereits zu einer journalistischen Tätigkeit bei einer deutschen Tageszeitung und durch ein erstes, textintensives Studium der Germanistik und Philosophie. Wenn er nicht gerade vor einem neuen Beitrag sitzt, spielt er vermutlich Gitarre oder monologisiert über seine Lieblingsmusik.

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